Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erreichte in Leeste Dora von Weihe die Nachricht, dass ihr Mann Wilhelm vermisst sei.
Der 29-Jährige war als Infanterist nach Lothringen an die Front beordert worden. Unweit von Nancy wurde er am 8. September 1914 im sogenannten Waldgefecht von Champenoux verwundet. „Leicht verwundet“, hieß es in der offiziellen Verlustliste. Doch seit dem 8. September fehlte jede Nachricht von dem jungen Familienvater.
Wilhelm von We
ihe und Dora Eilers hatten 1906 in Leeste geheiratet. Beide waren als Arbeiter- und Heuerlingskinder in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Sie hatten die Volksschule besucht und sich nach der Konfirmation als Knecht bzw. Magd auf Leester Bauernhöfen verdingt. Erst die Heiratspläne und der Wunsch, eine eigene Familie zu gründen, gaben ihrem Leben eine neue Richtung. Mit dem Lohn eines Dienstknechts hätte Wilhelm von We
ihe, wie es von ihm erwartet wurde, keine Familie ernähren können. Er suchte sich eine Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft und gab seine Stelle bei Albert Rumpfeld in Hagen auf. Nachdem Leeste im Frühjahr 1910 Anschluss an die Kleinbahnstrecke Bremen-Thedinghausen erhalten hatte, wurde er von der Betreibergesellschaft als Arbeiter eingestellt.
Bis Anfang August 1914 tat Wilhelm von Weihe Dienst bei der Kleinbahn. Dann musste auch er, wenige Tage nach der deutschen Mobilmachung, Abschied von seiner Familie nehmen. Vier kleine Töchter ließ er zurück:
Meta
Marie
Gesine
Lieschen
Kaum vorstellbar, dass der Ehemann und Vater sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung mitreißen ließ. Umso weniger, als seine Frau Dora ein weiteres Kind erwartete.
Wilhelm von We
ihe traf in seinem Bataillon mit zahlreichen Soldaten aus Weyhe und dessen Nachbarorten zusammen. In der Verlustliste von Champenoux tauchen einige ihrer Namen auf. Auch zwei Soldaten aus Sudweyhe werden genannt, die am 11. September 1914 den Tod im Wald von Champenoux fanden: Friedrich Müller und Johann Wittrock. In der Lokalpresse erschien noch im selben Monat eine Todesanzeige, aufgegeben vom Sudweyher Kriegerverein.
Dora von We
ihe wartete in diesen Wochen vergeblich auf eine Mitteilung. Konnte sie glauben, dass ihr Ehemann überlebt hatte, dass er sich vielleicht in irgendeinem französischen Gefangenenlager aufhielt? Doch vermisst, das wurde zur bitteren Realität in dem endlos sich hinziehenden Weltkrieg, bedeutete zumeist vergebliches Hoffen auf ein Wiedersehen. Vielfach wurde nach Wochen und Monaten der Tod des Verschollenen bestätigt. In den meisten Fällen aber blieb Ungewissheit.
Mehr als acht Jahre verstrichen, in denen Dora von We
ihe auf eine Nachricht hoffte. Seit 1922 erinnerte ein Mahnmal vor der Leester Marienkirche an die Opfer des Ersten Weltkriegs. „Wilhelm v. Weihe verm[isst] 8.9.1914“ hieß es dort, heißt es dort bis heute. Doch im April 1923 wurde es zur Gewissheit, dass der Vermisste den Krieg nicht überlebt hatte. Das Zentralnachweisamt für Kriegerverluste und Kriegergräber in Berlin-Spandau teilte mit, der Wehrmann Wilhelm von We
ihe sei 1914 infolge der bei Champenoux erlittenen Verwundung gestorben.
Seine sterblichen Überreste waren auf einen Soldatenfriedhof am Rand des lothringischen Dorfes Gerbévillers umgebettet worden. Dort ruhen heute annährend 5500 deutsche Soldaten, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren.
https://kriegsgraeberstaetten.volksbund.de/friedhof/gerbeviller